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Van Almsick fühlt sich „zerstört"
Berlinerin scheitert in Leipzig ausgerechnet auf ihrer Weltrekord-Strecke
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Von Klaus Weise

Leipzig Der Weltrekord über 200 Meter Freistil steht bei 1:56,78 Minuten, gehalten von Franziska van Almsick. Bei den Deutschen Meisterschaften in Leipzig benötigte die Berliner Schwimmerin mit 2:04,75 Minuten fast acht Sekunden länger, verpaßte als Vorlauf-Neunte das Finale und damit auch den sicher geglaubten Start über diese Strecke bei der Europameisterschaft in Istanbul im Juli.

Ihr Trainer Gerd Eßer fand dieses Debakel am Samstag „nicht mehr nachvollziehbar", für ihren Manager Werner Köster war es „das Unvorstellbarste, was ich je mit Franziska erlebt habe". Die 21 Jahre alte van Almsick verzog sich nach ihrem Aussetzer auf die Massagebank, stierte an die Decke und meinte: „Ich habe gedacht, es reicht und habe mich dabei vertan."

Frauen-Bundestrainer Achim Jedamsky sprach von einer „psychologischen Geschichte, die da in ihr festsitzt" und schimpfte: „Man kann doch in einem Lauf keine drei Leute vor sich lassen, wenn man weiß, daß da noch ein Lauf kommt." 1994, bei der Weltmeisterschaft in Rom, ist van Almsick das gleiche Malheur passiert. Schließlich verzichtete Dagmar Hase damals auf ihren Start, van Almsick holte mit dem noch heute bestehenden Weltrekord die Goldmedaille.

Am Samstag aber verzichtete keine Konkurrentin, und die Berlinerin flüchtete aus der Uni-Halle, nachdem sie sich zuvor mit Vater Bernd per Handy verabredet hatte und sich mit ihm zu einem zweistündigen Krisengespräch traf. Angeblich wollte van Almsick sofort abreisen.

Doch schon am gleichen Abend kehrte sie in die Halle zurück, trainierte verbissen und ging gestern über die 100 Meter Schmetterling an den Start. Den Vorlauf schloß van Almsick als Zweitbeste mit 1:01,54 Sekunden hinter Katrin Jäke aus Riesa (1:00,81) ab. (Das Finale war bei Redaktionsschluß dieser Ausgabe noch nicht beendet.)

Schließlich erzählte sie auch, was am Samstag in ihr vorgegangen war. „Ich habe mich wie zerstört gefühlt, und ich werde wohl noch einige Tage brauchen, um es zu verarbeiten", sagte van Almsick, obwohl sie schon wieder über sich selbst lachen könne und kündigte angriffslustig an, in den nächsten zwei Wochen erneut die 200 Meter Freistil in Angriff zu nehmen: „Ich bin schneller, als ich es hier in Leipzig gezeigt habe und werde es auch beweisen."

Manager Köster plant, daß sein Schützling gleich bei drei Meetings in Barcelona, Canet/Frankreich und Monte Carlo an den Start gehen wird: „Das liegt ja quasi alles auf einem Weg." Auch Trainer Eßer möchte eine intensivere Wettkampfpraxis für die Olympia-Vorbereitung für Sydney 2000: „Es ist auf keinen Fall alles vorbei."

Und bei der Europameisterschaft in Istanbul prophezeit ihr wiederum Köster mehr Auftritte als gedacht. Bisher konnte sich van Almsick dort nur mit ihrem zweiten Platz über 100 Meter Freistil direkt qualifizieren. „Ich kann mir nicht vorstellen, daß der Deutsche Schwimmverband mit den Staffeln ohne Franziska und Antje Buschschulte, die über 100 und 200 Meter disqualifiziert wurde, an den Start gehen wird", meinte Köster. Der DSV wird heute den Kader nominieren.

© DIE WELT, 31. 05. 1999

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