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Die Dramaturgie taugt nicht fürs Heldenstück
Wieder geht Franziska van Almsick baden, derweil Sandra Völker sich freischwimmt
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Leipzig – Manchmal sagt Achim Jedamsky Sätze, die keiner vergißt. Zum Beispiel: „Wir haben leider eine Brustschwäche." Ganz bestimmt ist die Schwäche im Brustschwimmen für den Frauen-Bundestrainer des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) seit Jahren furchtbar schlimm. Und keine Kandidatin hat ihm weiterhelfen können. Trotzdem befand Jedamsky nach der 111. nationale Meisterschaft in Leipzig und 19 Entscheidungsrennen, „daß ich nicht unzufrieden sein kann mit meiner Mannschaft".

Nicht unzufrieden also. Ende Juli ist EM in Istanbul, und die DSV-Equipe hat ein paar Titel und ihren guten Ruf auf dem Kontinent zu verlieren. Das Beste daran ist, daß Franziska van Almsick keinen gewann, 1997 in Sevilla. Und deshalb keinen verteidigen muß in zwei Monaten. Nach einem Motorradunfall stand sie damals mit dem Mikrophon und Sonnenbrille am Beckenrand für die ARD und kommentierte, wie Michelle Smith aus Irland 200-m-Freistil-Champion wurde. Eine andere auf ihrer Strecke ganz vorn. Seit 1994 sind die 200-m- Kraul ihr Wettbewerb. In Rom wurde sie Weltmeisterin. Den Morgen hatte sie als Vorlaufneunte beendet. Eine Katastrophe, das Glamourgirl war nicht im Finale. Mittags zog die qualifizierte Kollegin Dagmar Hase ihre Teilnahme zurück. Am Abend distanzierte das Mädchen Franziska die finstere Konkurrenz aus China auf der Außenbahn acht und schlug in 1:56,78 an: Weltrekord.

Inzwischen ist Franziska van Almsick 21 und eine Frau. Man kann das sehen, ihr Körper hat sich entwickelt, auch ihre Gedanken haben sich entwickelt, behaupten die, die sie näher kennen. Geblieben, sagte Experte Jedamsky, sei das „Trauma von Rom". Manchmal hat das Glück eine dunkle Seite. Franziska van Almsick hielt sich in Leipzig zum drittenmal an die Dramaturgie ihres fabelhaften WM-Erfolges. Doch wie bei der EM in Wien (1995) kam kein neues Heldenstück heraus, sie ging baden. Baden sagen die Schwimmer, wenn einer flotter unterwegs sein könnte in den Chlorfluten und sich plötzlich im B-Feld wiederfindet.

Im B-Finale der Wiener EM stellte Franziska van Almsick eine Weltjahresbestleistung auf. Es war die Zeit, in der es die halbwüchsige Millionärin drängte, richtungsweisende Interviews zu führen. Es ging meistens um olympisches Gold (das ihr dann 1996 in Atlanta entrissen wurde), um die Dauer ihrer Karriere und ihren Wunsch, sich künftig nicht mehr über die Placierung zu definieren, sondern über die Zeit. 1998, nach der WM von Perth, stand zu lesen, daß sie die 1:56,78 noch immer in sich fühle. Samstag in der Leipziger Universitätshalle brauchte sie 2:04,75; sie wurde wieder Vorlaufneunte, was nicht zum Einzelstart über 200-m-Freistil bei der EM reichte. Sie war langsamer als auf irgendeiner anderen Meisterschaft, ihr Clan zeigte sich ratlos wie nie, ihre Gegner hatten früher Respekt.

Michael Ulmer, Coach von Rivalin Silvia Szalai (Frankfurt), wunderte sich, „daß Franzi glaubt, sie habe bloß zwei Kilo zuviel drauf." Männer-Bundestrainer Manfred Thiesmann ist sicher, „daß Franziskas Kraft nicht für ihr Gewicht reicht". Sandra Völker sagte: „Was soll ich sagen?" Von sich erzählte die junge Dame eine ganze Menge. Daß sie einen Freund habe, einen Polizisten, einen Beschützer. Daß der Trainingsaufwand, den sie betreibe, geringer geworden sei, aber die Erträge nicht. Und daß sie einen Weltrekord plane, beim Meeting in Monte Carlo kommende Woche.

Ein Weltrekord wird vom Prinzen Albert mit 30 000 Mark entlohnt. Fast unbemerkt hat sich Sandra Völker zur stabilsten Athletin des DSV entwickelt. In Leipzig donnerte sie kompromißlos durchs Wasser, sie sprang viermal vom Block, blieb ungeschlagen (50-, 100-m- Freistil, 50-, 100-m-Rücken), stieg dreimal mit Weltjahresbestzeiten aus dem Wasser. Sie war sich ihrer Sache sicher, sie sucht die Herausforderung, sie stählt sich in Wettkämpfen. Mit 20 hatte sie Talent und reichlich Angst vor der Niederlage. Ein Fall für den Psychologen, dachte man. Jetzt ist sie 25, Zweite, Dritte, Fünfte zu werden, wirft sie nicht mehr aus der Bahn. Sie hat ihre Erlebnisse gespeichert und würde im Vorlauf nicht spekulieren. Sie ist aber auch nicht Weltmeisterin geworden, in 1:56,78, auf einer Außenbahn.

Eigentlich sollte Istanbul eine wichtige Etappe auf dem Weg nach Sydney sein, wo 2000 Olympia stattfindet. Gerd Eßer, geduldiger Heimtrainer von Franziska van Almsick, machte einen „Blackout" aus, der die Vorbereitung auf das letzte große Ziel empfindlich störe. „Nicht auf der Ideallinie" wähnt er seine Klientin nun. „Was passiert ist, hat mich sehr verletzt", sagt die. „Das Problem ist, daß ich nicht weiß, was das Problem ist", sagt Manager Werner Köster.

Vielleicht bemißt sich das Problem in Pfunden, vielleicht „sollte sie die 200-Freistil öfter schwimmen, um sie taktisch in den Griff zu kriegen", rät Achim Jedamsky. Manchmal sagt der Frauen-Bundestrainer Sätze, die schnell vergessen werden. Diesen müßte man sich merken. Christopher Keil

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