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"Irgendwie bin ich froh, daß ich damals vom Motorrad geflogen bin"
Am Donnerstag beginnen in Leipzig die Deutschen Schwimm-Meisterschaften: Exklusiv-Interview mit Franziska van Almsick
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"Irgendwie bin ich froh, daß ich damals vom Motorrad geflogen bin"
Am Donnerstag beginnen in Leipzig die Deutschen Schwimm-Meisterschaften: Exklusiv-Interview mit Franziska van Almsick

Berlin. Bei den Deutschen Schwimm-Meisterschaften in Leipzig sind ab kommenden Donnerstag wieder viele Blicke auf Franziska van Almsick gerichtet. Eine Woche vor den Titelkämpfen nahm sich die 21 Jahre alte Berlinerin viel Zeit für unsere Fragen. Frage: Liegen Sie acht Wochen vor der EM und knapp eineinhalb Jahre vor Olympia auf gutem Kurs? Franziska van Almsick: Ich glaube ja. Mein Trainer sagte nach dem letzten Trainingslager zu mir, daß ich echte Fortschritte gemacht habe. Ich denke, daß mein Motorrad-Unfall vor zwei Jahren der Knackpunkt war. Nach meiner planmäßigen Pause Ende ´96, als ich vier Monate lang vom Leben kosten konnte, habe ich mich mitunter selbst belogen. Ich habe gesagt ich will, doch manchmal wollte ich gar nicht. Dann bin ich vom Motorrad geflogen, mußte wieder aussetzen und habe plötzlich festgestellt, daß ich wirklich will. Es klingt zwar blöd: Aber im nachhinein bin ich froh, daß ich vom Motorrad geflogen bin. Ich weiß nicht, ob ich mich sonst auch noch mal so reingekniet hätte. Inzwischen weiß ich wieder, was Hochleistungssport ist.

Wie meinen Sie das?
Früher hatte ich es einfacher. Von 1988 bis 96 habe ich die Programme locker runtergespult. Ich bin immer geschwommen, habe mir keine Gedanken gemacht. Daß es eine Überwindungsschwelle gibt, wußte ich gar nicht. Nach meiner Pause war ich viel öfter unzufrieden und hab mich gefragt: Warum machst Du das? Man registriert plötzlich die Schmerzgrenze viel mehr. Doch wenn man über die Schwelle drüber ist, schwimmt man wie über den Dingen. Schwimmen ist nicht unbedingt eine Sucht, aber mittlerweile eine echte Herausforderung an mich selbst.

Gibt es noch andere Unterschiede?
Ich fühle intensiver. Mit 14 war ich bei Olympia, aber ich kann mich kaum noch erinnern. Ich weiß auch nicht mehr, was ich ´93 bei der EM gefühlt habe. Ich habe auch deshalb weitergemacht, um den Sport noch einmal intensiv zu erleben. Es geht für mich nicht mehr nur um Sieg oder Niederlage. Was ist 2000 wichtiger: Olympiasieg oder Weltrekord? Der Weltrekord. Eigentlich geht es um meine Bestzeit von 1994 über 200 m Freistil, die ich noch einmal unterbieten will. Dies ist nun mal gleichzeitig Weltrekord. Ich denke, daß ich dann auch gewinnen kann, wenn ich 1:55 oder 1:56 schwimme. Warum schwimmen Sie noch immer einem Olympiasieg hinterher? Ich hätte ´96 einfach nur zugreifen brauchen. Aber wenn ich etwas richtig und verbissen will, dann geht´s bei mir nicht. 1996 war die ganze Saison verkorkst. Das ging schon damit los, daß ich vorher keinen richtigen Urlaub hatte. Der eigentliche Urlaub war nur Streß, weil mein Freund krank war. Ich habe dann wieder mit dem Training begonnen, als ich noch gar keinen Bock hatte und im Kopf nicht bereit war. Bei der Kurzbahn-WM in Rio habe ich dann das erste Mal richtig eine auf den Deckel bekommen. Ich habe mir den Arsch aufgerissen, aber es ging nicht. Dann hieß es, die Almsick sonnt sich dort nur. Mitten in der Saison wußte ich nicht, für wen ich eigentlich schwimme. Letztlich bin ich vor allem für meine Sponsoren und Fans geschwommen. Der Druck hat mich aus den Latschen gekippt. Haben Sie mittlerweile wieder Ihr ideales Wettkampfgewicht? Das war auch so ´ne Umstellung ´97. Bis dahin habe ich mir nie ´ne Platte gemacht, wieviel ich wiege. Während der Pause habe ich mich auch körperlich verändert. Da braucht man auch mal Leute, die sagen: Es ist noch im Level. Mittlerweile muß ich schon diszipliniert sein. Aber wir Schwimmer müssen ja auch essen, wenn wir keinen Hunger haben, damit wir das nächste Training überstehen. Im Trainingslager war ich froh, daß ich etwas zum Zusetzen hatte, dennoch bekam ich zweimal ´nen Hungerast. Im Moment wiege ich bei 1,80 m Größe 67 Kilo. Ich bin nicht fett, aber es können schon noch zwei, drei Kilo runter. Aber auch dafür habe ich noch ein Jahr Zeit.

Hat sich der Rummel um Ihre Person etwas gelegt?
Eher nicht, ich werde mittlwerweile überall erkannt, zumindest in Europa. Im Herbst war ich in Bozen bei einem Ramazotti-Konzert. Normalerweise gehe ich zu solchen Konzerten nicht, wenn ich nicht in einem abgetrennten Bereich bin. Ich dachte, dort kennt mich keiner. Letztlich hat sich die halbe Halle nach mir umgedreht. Irgendwo ist das auch ein schönes Gefühl, mittlerweile sehe ich es gelassener. Mich interessiert nicht, wieviele Leute mich kennen. Ich wollte auch nie berühmt werden, sondern einfach nur so schnell wie möglich schwimmen. Haben Sie auch gelassen reagiert, als alle Leute von ihrem Führerscheinentzug wegen Raserei erfuhren? Das hat mich relativ kalt gelassen. Nur die dämlichen Sprüche haben mich gestört, zum Beispiel, wenn ich ins Taxi eingestiegen bin. Dann habe ich dem Fahrer gesagt: ,So wie Sie aussehen, haben Sie bestimmt schon viermal die Fleppen abgegeben.´ Dann war meist Ruhe. Ich gebe zu, daß 70 km/h drüber in der Stadt wirklich ein bißl viel war. Aber es ist menschlich, die Leute haben sich bestimmt gedacht: Siehste, der passieren auch Fehler.

Fühlen Sie sich als Star?
Überhaupt nicht. Ich denke, daß ich normal geblieben bin, auch wenn sicher viele behaupten, daß ich ´nen Dachschaden habe. Es gibt Momente, da wird mir erst bewußt, was ich manchen Menschen bedeute. Neulich hatte ich in der Fanpost ein Gedicht, das ein 15jähriges Mädchen für mich geschrieben hat. Manche singen Lieder für mich und schicken mir diese auf Kassette. Oder als einmal ein geistig behindertes Kind mit demFinger auf mich zeigte und ,Franzi´ sagte, sind mir fast die Tränen gekommen.

Wofür geben Sie Ihren Namen?
Wie bei meinen Sponsorenverträgen muß ich auch bei anderen Aktivitäten voll dahinter stehen, es muß zu mir passen. Ich könnte nie als Hausfrau van Almsick für eine Bügeleisen-Aktion werben. Das würde mir nicht mal meine Mutter glauben. Ansonsten mag ich Sachen, bei denen nicht nur meine Kohle gefragt ist, sondern wo ich persönlich etwas bewirken kann. Beispielsweise habe ich seit drei Jahren zwei Patenkinder in Afrika. Oder das Herzzentrum des Berliner Virchow-Krankenhauses: Die Kinder dort hatten im Krankenbett den Lebensmut verloren. Es bewirkt Wunder, wenn ich mal bei ihnen vorbeischaue und mit ihnen rede. Sie sind Schwimm-Profi.

Haben Sie Zeit für Hobbys?
Viel Zeit habe ich nicht. Ich mache gern Sport und würde am liebsten in Richtung Extremsport gehen. Ich bin schon mal mit dem Fallschirm gesprungen und reite gern. Doch als Martina Hingis vom Pferd fiel, habe ich die Sache gestoppt. Es ist zu gefährlich. Eigentlich hatte ich immer gedacht, daß ich eine Leseratte bin. Doch inzwischen denke ich, meinHobby ist Bücher sammeln. Ich gehe oft mit vier Büchern aus dem Laden, finde dann aber oft nicht die Ruhe, sie zu lesen.

Was lesen Sie am liebsten?
Vor allem Biographien. Zuletzt habe ich die von Abfahrtsläufer Hermann Maier gelesen. Er hat Recht: Wenn man in der Öffentlichkeit steht, hat die Öffentlichkeit auch das Recht, über einen Bescheid zu wissen. Lustig fand ich, daß er immer mal drei Tage nicht auf den Hang geht, wenn ihm der Fuß wehtut. Danach gewinnt er trotzdem die nächste Abfahrt. Das geht im Schwimmen nicht. Da habe ich mich gefragt, warum ich nicht zum Schach oder Abfahrtslauf gegangen bin. Ansonsten interessiere ich mich für chinesische Medizin, überhaupt für Übersinnliches. 1995 hatte Ihr Interesse an der Hitler-Biographie für Verwirrung gesorgt. Sind Sie seitdem vorsichtiger geworden, wem Sie was sagen? Generell bin ich immer dabei geblieben, das zu sagen, was ich denke. ´95 in Wien waren es mehr die österreichischen und Schweizer Medien, mit denen ich die Probleme hatte. Von den deutschen Medien bin ich eigentlich immer fair behandelt worden. Öffentlich will ich mich nur zu Dingen äußern, von denen ich was verstehe. Mich regt auch auf, wenn manche zu allem ihren Senf dazugeben. Der Unterschied zu 92/93 ist, daß mir damals alles mögliche verziehen wurde. Da war ich halt die kleene Göre aus Berlin und bin zum Kanzler-Empfang in Franzen-Jeans und Bomberjacke gegangen. Heute würde man mich dafür gleich in die ,Klapse´ bringen oder gar nicht erst reinlassen.

Wie nah geht Ihnen der Balkan-Krieg?
Er geht mir schon nah, ich habe auch im Trainingslager inMexiko versucht, mich zu informieren. Ich komme zu der Erkenntnis, daß es um Politik geht. Die einen wollen ihre Macht beweisen, der andere - Rußland - kann sich nicht rühren, weil er am Tropf des Westens hängt. Einer spielt den anderen aus - und das auf Kosten von Menschen. Ich hasse den Satz sonst: Aber man ist hilflos, kann nichts machen. Auch mit Spenden ist nur vorübergehend geholfen.

Was halten Sie aufgrund der Kurden-Problematik von Istanbul als EM-Ort?
Auch da mache ich mir meine Gedanken. Aber solange nichts anderes entschieden ist, findet die EM dort statt. Bestimmte Dinge muß man kurzfristig entscheiden. Wenn die sich nach dem Öcalan-Urteil bebomben, würde ich natürlich nicht hinfliegen.

Warum reagieren Sie oft allergisch, wenn Sie auf ihre verdienten Werbe-Millionen angesprochen werden?
Das klingt zwar blöd, aber Geld ist für mich nicht so wichtig, ich gelte unter Freunden als sehr sparsam. Ich bin fast explodiert, als ich nach dem Formel-1-Rennen in Monaco im Fernsehen die Stars und Sternchen an der Strecke gesehen habe. Diese Selbstdarsteller sind nicht meine Welt. Wenn da ein 22jähriges Model für 22.000 Mark einkaufen geht, kommen mir die Tränen. Ich gucke auch mal in solche Läden. Aber für einen Stoff-Fetzen 2000 Mark zu bezahlen, weil er von einer bestimmten Marke ist - na schönen Dank. Ich gehe auch gern einkaufen. Aber mehr als 200, 300 Mark bezahle ich für Klamotten nicht. Welche war die größte Summe, die Sie für etwas einzelnes bezahlt haben? Das waren 3500 Mark für meine Stereo-Anlage. Ich würde auch aus einem Restaurant wieder rausgehen, wenn ich es für überteuert halte. Einen guten Wein leiste ich mir dagegen gern, es muß aber nicht der teuerste sein. Es ist ein blödes Gefühl, sich alles leisten zu können. Ich bin da hin- und hergerissen. Genug Geld zu haben ist sicher die bessere Lösung. Aber ein wenig sehne ich mich auch nach der Zeit, in der ich für etwas gespart habe. Zum Beispiel kurz nach der Wende, als ich mit meiner Sparbüchse losgezogen bin und genau 150 Mark zusammen hatte, um mir einen Gameboy zu kaufen. Muß man erst viel Geld haben, um zu wissen, daß Geld nicht alles ist? Genau. Mich stört, daß man sich in Deutschland fürReichtum undErfolg ständig entschuldigen muß. In Amerika klatschen die Leute, wenn jemand mit ´ner dicken Limousine vorfährt. Weil sie sich freuen: Da hat es jemand geschafft.

Haben Sie konkrete Vorstellungen von Ihrem Karriereende?
Ja, ich weiß aber noch nicht, wann das sein wird. Es muß ein Gefühl sein, daß ganz tief von innen kommt. Es muß mir sagen: Schneller kannst Du nicht mehr schwimmen. Dieses Gefühl war ´97 trotz aller Probleme nicht da. Außerdem möchte ich selbst bestimmen, wann Schluß ist. Diese Entscheidung soll nicht bei einer fremden Frau liegen, die im Straßenverkehr nicht richtig aufgepaßt hat. Wenn ich aufhöre, würde ich auf keinen Fall ein Comeback starten. Ich finde es auch nicht gut, daß manche hier noch ein bißchen spielen und da noch ein bißchen. Beeindruckt hat mich der Rücktritt vonKatja Seizinger. Den Hang runter zu fahren und plötzlich zu wissen, es ist Schluß - da ziehe ich den Hut vor ihr. Wenn sie dabei bleibt, ist sie für mich ´ne echte Persönlichkeit.
Interview: Frank Schober

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